Tagebuchauszüge: Kasachstan

Abfahrt

Ein Gefühl von Ungewissheit bestimmt die Abfahrt. Gewiss dagegen ist die Vanille-parfümierte Luft, das evangelische Glockengeläut eines Tastenhandys und der durch mich massiv gesenkte Altersdurchschnitt im Zugabteil. So passt dit. Jut, Jut. Ein älterer Herr unterhält sein älteres Ego und das ganze Abteil. Sanft schmiegt sich die Uckermark ans Zugfenster, einige letzte Rauchschwalben und vergilbte Weißdorne beenden den Spätsommer. Ruhig treibt die Lok durch das Stillleben. Jäh unterbrochen von vorbei tobenden Menschen, die Zeit tut es ihnen gleich. Nur nicht in Berlin. Etwas das sich zu schnell dreht, steht wahrgenommen still. Vor allem, wenn du dich mitdrehen lässt.

Vogelperspektive

Alles wiegt doppelt so viel – uns drückt es in die Sitze und den Flieger in die Luft. Im Himmel ist heute Hochzeit. Weiß in weiß schmiegt sich Firmament an Firmament. Die Szenerie durchschnitten vom in diesen Weiten winzigen, geflügelten Ungetüm in dem wir sitzen. Die Landschaft unter uns strauchelt, schwankt, bäumt sich sanft. Jäh vergießt sie die Tränen über die ihr aufgezwungene Zerrissenheit in ihre zahlreichen Senken, schnell fließen sie fort, schwellen an, ihr Kummer entweicht ihr, füllt letztlich das Meer am hunderte Kilometer entfernten Horizont. Nicht nur das Äußere und Innere der Vorkarpaten-Landschaft, auch wir schwanken und straucheln. Turbulenzen. Ein turbulent schnarchender Kasache untermalt zynisch die Szenerie.

Wüste

Wie aus dem Nichts taucht Zhanaozen im Wüstenflimmern auf. Letzte Besorgungen, Proviant und Gas für sieben Tage und tausend Kilometer Fahrt. Fünf Tankstationen, drei volle Einkaufswägen und vier gefüllte Mägen später rollen wir los. Wir, das sind Nurlykhan, Til, Lasse und ich. Noch 80 Kilometer Asphalt. Die wie frisch geteerte Pilgerstraße nach Ost, vorbei an stoischen Kamelen, dystopischen Ölfeldern, hochragenden Kreide-Chinks und tiefen Schluchten. Irgendwann queren nur noch Wüstenrollermüll und Überlandleitungen unseren Weg. Irgendwo biegen wir nach Süd ein, dort beginnen die Wüstentracks. Meine Orientierung verabschiedet sich schon vorher und wünscht eine gute Reise. Während Nurlykhan uns unbeirrt durch die isabellschattierte Landschaft manövriert, senkt sich die Nacht über uns. Eine bruchgelandete Bläßralle schreckt inmitten der nachtgedeckten Wüste vorm Auto hoch, entflieht gen Vollmond. Was tust du hier? Wir nähern uns einem Licht. Raue Gestalten, Zigarettenrauch und der scharfe Biss des Vodkas begrüßen uns vor der Rangerhütte. Kasachische Scherze, ernste Gespräche. Ich verstehe nichts davon und fühle mich komisch fremd. Wohl genau das richtige Unwohlsein für einen zufallspriviligierten Europäer. Dass der Geländewagen etwas später langsam, aber doch mühelos die Chinks gen Ustyurt-Plateau erklimmt, nehme ich nur noch im Halbschlaf wahr.

Weltfremd

Glucks-krächzen und Tschilpen weckt uns. Chukarhühner und Steinsperlinge vermelden uns den nahen Sonnenaufgang und gesellen sich zum Frühstück. Endlich Aufbruch, ein Dutzend Uriale weht über die gekerbte Landschaft – wir hinterher. Dann Abgrund, endlose Weite, Maßstäbe verzerren. Groß wird klein, wir nichtiger. Unter uns verwittern Millionenjahre. Die Landschaft sieht aus, als hätte das Geomorphologie-Lehrbuch sie geformt. Eigentlich ist es ja andersherum. Die Adler und Mönchsgeier suchen sich einen entlegenen Weg über den Weiten der Senke. Von dem, was sich da noch urteilen lässt, geht es geschäftig zu, heut auf dem Weg nach Süden. Ob sie der straffe Ostwind wohl treibt? Dieser und der Anblick der rot-schwarzen Erosionslandschaft treibt mir Marsbilder in den Kopf. Tjüliu-Tjüju-Jüjü. Es reißt mich aus den Gedanken. Eine schlicht graubraune Lerche landet neben uns. Klack Klack Klack. Die Nomadin der Gerölllandschaft erlaubt ein kurzes Fotoshooting. Schnell, Literatur herausholen, Bilder vergleichen und tatsächlich zwei Steinlerchen da unter uns im Kliff! Doch wir müssen weiter. Denn Vogelzug wartet bekanntlich nicht und wir haben noch eine Strecke zu fahren. Also schnell zurück durch die Anderswelt, schon bald führen uns die Wüstenpisten weiter nach Osten. Weiter weg von dauerhaft bewohnten Siedlungen, weg von Lärm, weg von Licht. Plötzlich schneiden in der Ferne vier Staubwolken in Formation die Wüste. Wer daheim sein Trophäenwild ausgerottet hat, vergreift sich wohl gern an den Schätzen anderer. Zu viel Geld zerfrisst erst Mensch, dann Ökosystem. Wird es sich je ändern?

Leere

Wer Norddeutschland noch einmal als flach und leer bezeichnet, den lache ich aus. Ich muss kichern, Lasse auch. Aber, wenn wir uns so umdrehen, „flach und leer“ geht auch ästhetisch. Sanft geschwungene Landschaft, wundersame Gewächse. Und „Leer“ … Einige Kropfgazellen, zahlreiche Wüstenrennmäuse, Rotfüchse, Krötenkopfagamen, Steppenadler, Sandflughühner und endlos viele Turkestan- sowie Kalanderlerchen bevölkern diese vermeintliche Leere. Kein Wasser weit und breit, aber trotzdem tobt hier das Leben. Blut, Stoffwechsel, Aas – evolutionäre Experimentierfreudigkeit findet einen Weg mit allerlei Defiziten umzugehen.

Sinnlos

Tugtug Tugtug Tugtug. Es klopft. Sehr rhythmisch, sehr laut – fast schon dröhnend. Was ist das? Ich beginne mit dem Fernglas zu suchen. Nichts zu finden. Ich suche weiter, irgendwann bei mir. Ich lache auf, es ist mein Herz. Die Stille ist so umschließend, dass das sonst unhörbare, das aller lauteste ist. Ein Orientdickichtsänger schleicht fast unbemerkt durch die Beifuße. Ich schleiche hinterher. Angenehm schwere Süße belegt meine Nase auf Schritt und Tritt. Für einen Moment raubt mir die Stille das Hören, die Schwere das Riechen, die Weite das Sehen, der Schluff auf meinen Finger das Fühlen. Ich genieße es – aber nicht auf Dauer. Eine kleine Familie Kropfgazellen gibt mir die Sinne zurück, während die Adler auf sich warten lassen.

Kropfgazellen

Staub füllt meine Lunge, der UAS bremst. Hier ist der Horizont nicht weit genug, also auf zum nächsten Hügel. Einige Kalanderlerchen kreuzen unseren Weg. Flink wie Windhosen stauben einige Kropfgazellen entfernt vorbei. Der Abend taucht die Wüste in ein Meer aus goldenem Dunst. In diesem Licht blinken die weißen Bäuche der Kropfgazellen durch die sanft geschwungenen Landschaft, sechs-und-zwanzig an der Zahl. Eine Weihe gaukelt an den Hängen in der Ferne entlang. Ein Brachpieper gesellt sich am Zählpunkt zu uns. Friedlich legt sich der Tag zur Ruh, die Nacht deckt uns sanft mit einem glitzernden Firmament zu.

Was bleibt?

Die Umgebung flimmert unter der Hitze. Die Adler bleiben heute hoch im Himmel, nur zwei Gänsegeier und Kaiseradler lassen sich erspähen. Der Tag zieht dahin und legt sich gemeinsam mit den allabendlichen Kropfgazellen zu Bett. Später beim beieinander sitzen im UAS erzählen Nurlykhan und Til vom sowjetischen Ethnozid an den lokalen Völkern mitsamt ihrer Weidewirtschaft. Die Wüste hier muss einst mit sehr viel mehr Leben gefüllt gewesen sein, als es heute zu beobachten ist. Heute schreiben die Wilderei von Kropfgazellen, Urialen und Steppenkragentrappen sowie die undurchdachte Erschließung neuer Windparks, diese Geschichte menschlichen Wirtschaftsegoismus fort.

Rückkehr

Nach sieben Tagen Abgeschiedenheit gelangen wir nachts wieder im Camp an. Hier hatte sich inzwischen ein Mix aus Panik und Demotivation infolge einiger Missgeschicke und fehlender Kommunikation breit gemacht. Der nächste Tag bricht an und kaum ein Mensch geht der Vogelbeobachtung nach. Egal. Wir haben einige unvergessliche Mittagsstunden mit zahlreichen Adlern, die in langen Bändern flach über das Küstentiefland hinwegziehen. Steppen-, Kaiser-, Schell-, Stein- und Schlangenadler – schlicht beeindruckend!

Lerchen-Regen

Der Wecker klingelt, die Lerchen auch. So schnell saßen wir hier noch nicht senkrecht im Schlafsack. Wir lauschen dem Treiben – rattern, tschrilpen, klirren, purren. Schnell, schnell fertig machen, Müsli, Rucksack stopfen. Ah, die Wasservögel! Na gut, first things first. Dann endlich Singvogelzug beobachten. Es regnet buchstäblich Lerchen. Zwuuusch zwuhusch husch. Lerchen fallen über uns aus dem aktiven Zug zur Wasserstelle ein, geschäftiges Treiben, dann schnell weiter. Keine Zeit heut. Die Masse machen vor allem Kalander- und Turkestanlerchen. Die Klicker zeigen schnell vierstellige Beträge. Tschepp Tschepp. Zwei Seidensänger machen Zwischenrast in den Büschen an der Wasserstelle. Ein paar Glöckchen schellen aus dem Himmel. Heckenbraunelle - denken wir. Denkste denkt sich die, die da ruft. Ein rostbrauner Vogel, goldener Überaugstreif, ein schwarzes Kinn – eine Schwarzkehlbraunelle, wir sind hin und weg! Der Vormittag vergeht so hastig wie die Lerchen dahinziehen. Am Mittag übernehmen wie gewohnt die Greife, allerdings keine Adler. Korn-, Steppen- und Rohrweihe, Merlin, Sperber, Schwarzmilan. Was heute alle Reisende bezwingen müssen, ist der knapp zweihundert Meter hohe Chink hinter uns. Bis in den Nachmittag hinein hält der Zug an. Ein Auto nähert sich, mit Händen und Füßen kommunizieren, es geht schon irgendwie. Fischer, wie sich herausstellt, einen Daumen nach oben für unsere Vogelzählerei. Das ist fantastisch! Holpert einer von ihnen einen deutschen Satz hervor. Wir müssen alle Lachen. Wir bedanken uns für das Gespräch. Rahmet! Später dann, heulen uns Goldschakale in den Schlaf, während die Nacht uns mit ihrer Sternendecke umschließt.
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Blanke Flur